Die Unterschiede zwischen lateinamerikanischem und in Spanien gesprochenem Spanisch

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photo: Kenneth Freeman

Man befragt uns oft über die Unterschiede zwischen dem Spanisch, das in Spanien gesprochen wird und dem Spanisch Lateinamerikas. Während klare Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Spanisch bestehen muss man zuerst festhalten, dass die Spanischsprachigen sich untereinander gut verstehen – ob sie nun aus Cádiz, Cusco, Salamanca oder Santo Domingo kommen.

Es gibt aber dennoch einige Unterschiede zwischen dem in Spanien gesprochenen Spanisch und dem Spanisch, das man in Lateinamerika spricht. Ausserdem sind die in verschiedenen Ländern Lateinamerikas gesprochenen spanischen Varianten auch unterschiedlich. Und dasselbe gilt für Spanien!

Beginnen wir mit der Frage: wie nennt man die Sprache? In Lateinamerika ist es normal, sie als „castellano“ zu bezeichnen (kastilisch, gemäss der Region Kastilien), im Gegensatz zu spanisch. Das ist auch in Teilen Spaniens der Fall, wo die regionalen Sprachen wie Galizisch und Katalonisch als offizielle Sprachen ebenfalls „Spanisch“ genannt werden könnten.

Was sind die Unterschiede?

Als die spanischen Kolonisatoren um die Welt fuhren, um Gottes Botschaft zu verbreiten und wertvolle Metalle nach Hause zu bringen brachten sie die Sprache mit, welche sich bei ihnen zu Hause in einer fortwährenden Entwicklung befand.

Albert Marckwardt, ein Sprachwissenschaftler, erfand den Ausdruck „koloniale Verzögerung“ um die Situation zu beschreiben, bei der sich die Sprache in den Kolonien nicht im selben Rhythmus entwickelt wie im Ursprungsland. Ein Beispiel im Englischen war der Gebrauch von „fall“ in den US und „autumn“ in Grossbritannien; als die britischen Kolonialherren nach Amerika kamen war das Wort „fall“ üblicher als die lateinische Version des britischen Englisch. Das ältere germanische Wort „fall“ galt in England dann als veraltet (man verwendete lieber den französischstämmigen Ausdruck) doch in den USA ist „fall“ immer noch in Gebrauch. Dieser Ablauf trifft für Vokabular wie auch für Grammatik zu.

Später brachten Immigrantengruppen aus verschiedenen Teilen Europas sprachliche Traditionen nach Lateinamerika”. Eine nach der anderen wurde mit lokalen sprachlichen Gegebenheiten konfrontiert, was Variationen in die lokalen Dialekte einbrachte.

Voseo

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Als die spanischen Kolonien von verschiedenen Gruppen gegründet wurden brachten diese das in Spanien damals gesprochene Spanisch zusammen mit anderen Elementen ihres lokalen Dialektes mit. Da die Kommunikation mit Spanien sehr beschränkt war (Telefone waren noch Hunderte Jahre entfernt) schlug das in den Kolonien gesprochene Spanisch etwas andere Richtungen ein. Einige Elemente des älteren Spanisch wurden beibehalten, andere verschwanden.

Als klarstes Beispiel dieses Vorgangs kann der Gebrauch des „vos“ angegeben werden, vor Allem in Argentinien, Paraguay und Uruguay. Ursprünglich war es der Plural der zweiten Person, doch „vos“ wurde nach und nach als Höflichkeitsform der zweiten Person im Singular eingesetzt und im Umgang mit familiären Freunden gebraucht. In Spanien und demnach auch nach ihrer Ankunft in Südamerika war dieser Ausdruck üblich. In Spanien wurde er nicht mehr gebraucht doch er verblieb im Spanischen der Rio Plata Region. Wenn man heute in den belebten Cafés von Buenos Aires hört: De donde sos?anstatt wie in Spanien “De donde eres?” fühlt man sich um 150 Jahre zurückversetzt.

Der Gebrauch von “vos“ und seiner ausgeprägten Konjugation verbreitet sich immer stärker in Lateinamerika, während es früher nur von einer Minderzahl in Bolivien, Chile, Nicaragua und Costa Rica angewendet wurde.

Im Wesentlichen verstehen Sie die Leute auf der ganzen aller Welt – ob Sie nun „tú“ oder „vos“ verwenden. Spanischsprachige denken wahrscheinlich nur, dass Sie ein Zeitreisender aus dem Mittelalter (oder ein Argentinier) sind.

Ustedes

Die lateinamerikanischen Variationen der spanischen Sprache benützen „vosotros“ (Ihr, Plural, informell) nicht, sondern brauchen stattdessen „ustedes“. Das heisst für Spanischlernende, dass sie eine andere Verb-Endung lernen müssen.

In Spanien zum Beispiel können Sie einen Freund fragen „Cuál fue la última pelicula que visteis?“ (welchen Film hast Du zuletzt gesehen?), doch Ihren Grosseltern würden Sie eher die Frage stellen „Cuál fue la última pelicula que vieron?“. In Lateinamerika braucht man die zweite Version für beide Ansprechpartner.

Ustedes“ wird auch auf den Kanarischen Inseln gebraucht, nur die Balearen und das Festland Spaniens gebrauchen „vosotros“. Wenn Sie jedoch nur die lateinamerikanische Version einsetzen werden Sie auch in Spanien perfekt verstanden. Die Leute werden Sie im Gegenteil als sehr höflich einstufen!

Vokabular

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Die grosse Mehrheit der spanischen Wörter ist universell, doch Einige sind es nicht. Beispiele dafür sind „teléfono móvil“ /“ celular“ sowie „ordenador“ / „computadora“, wobei das zweite Wort der beiden Paare in Lateinamerika gebraucht wird. Es gibt auch viele Wörter, die in den verschiedenen Dialekten anders aussehen. So zum Beispiel heisst ein Kugelschreiber in Spanien „boligrafo“, in Chile „lápiz pasta“, in Argentinien “lapicera“ und so weiter. Hier sehen Sie ein grossartiges Video von zwei kolumbianischen Brüdern über die verschiedenen Wörter die Sie in der spanischsprachigen Welt finden können:

Schliesslich sind die Unterschiede im Vokabular nicht grösser als zwischen dem britischen und dem amerikanischen Englisch.

Doch jetzt ist Vorsicht geboten! In Spanien wird das Verb „coger“ (erwischen, etwas ergreifen) fortwährend gebraucht und zwar nicht nur im ursprünglichen Sinn sondern auch für Etwas packen oder Etwas holen. So heisst zum Beispiel „coge las riendas de tu vida“ sein Leben in den Griff bekommen (die Zügel seines Lebens ergreifen). In Lateinamerika ist das Verb „coger“ ein Slang Ausdruck und wird weitgehend zur Beschreibung des … Geschlechtsakts verwendet.

Aussprache

pronunciation

Foto: Caitlin Regan

Die grössten Unterschiede im Spanischen bestehen in der Aussprache – doch auch diese sind nicht sehr gross. In vielen Teilen Zentralamerika zum Beispiel wird das „s“ nicht immer ausgesprochen und einige andere Silben können auch fehlen. In Argentinien wird das Doppel-L, welches normalerweise als Y(wie Yeti) ausgesprochen wird als „s“ wie Sommer ausgesprochen.

Der vielleicht bedeutendste Unterschied zwischen der spanischen und lateinamerikanischen Aussprache ist das Lispeln (auch wenn es technisch kein Lispeln ist), welches in Madrid und in einigen anderen spanischen Regionen gang und gäbe ist. Die Legende sagt, dass König Ferdinands Lispeln von den spanischen Adligen übernommen worden war… Wie so oft entspricht die Legende wahrscheinlich nicht der Wahrheit; die Aussprache kommt vermutlich von Tönen, die im mittelalterlichen Kastilien gebräuchlich waren – auch wenn man die Tatsache, dass diese Aussprache es nicht bis in die Kolonien schaffte, nicht erklären kann.  Nicht alle Innovationen in einer Sprache sind logisch erfassbar.

Wenn Sie Spanisch lernen werden Sie zwangsläufig den lokalen Akzent übernehmen, doch dies wird Ihre Verständigung mit allen Spanischsprachigen nicht einschränken. Jeder hat in seiner Sprache einen Akzent und es gibt davon keine „schlechtere“ oder „bessere“. Wenn Sie beim Erlernen einer Sprache einen spezifischen Akzent übernehmen – ob in Spanisch oder einer anderen Sprache – ist dies Teil Ihrer Persönlichkeit und gehört zu Ihren persönlichen Erfahrungen. Es kann bei Ihren Reisen auch als eigentlicher „Eisbrecher“ für schnelle Kontakte sorgen!

Soll ich Spanisch in Spanien oder Lateinamerika lernen?

Einige sagen, das kolumbianische Spanisch sei die klarste und schönste Form der Sprache. Andere wiederum stufen das argentinische Spanisch als sexy Version ein. Und Manche glauben, dass das in Madrid gesprochene Spanisch des bedeutendste sei, weil in dieser Stadt die Königliche Spanische Akademie die Sprache reglementiert.

Man sollte jedoch die beiden Versionen – das spanische und lateinamerikanische Spanisch – nicht miteinander vergleichen. Wenn Sie sich für Spanisch Lernen entscheiden sollten Sie eher ins Auge fassen wo Sie am liebsten sein würden, welche Abenteuer Sie erleben möchten und – selbstverständlich – was im Rahmen Ihres Budgets liegt. Sie können aber sicher sein, dass jede der verschiedenen Variationen von Spanisch in der ganzen spanischsprachigen Welt verstanden wird.

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