Sprachlern-Apps – kann man damit eine Sprache beherrschen?

Am Morgen weckt es Sie mit scheusslichen und störenden Alarmgeräuschen, doch Sie verzeihen es ihm. Vielleicht haben Sie sogar nach einer auf den sozialen Netzwerken verbrachten Nacht keine Stunde Schlaf verbuchen können. Das haben wir alle erlebt.

Geben Sie es zu: eine der engsten Beziehungen in Ihrem aktuellen Leben ist jene zu Ihrem Handy.

Wie wäre es also, wenn es Ihnen auch eine Fremdsprache vermitteln könnte?

Es gibt bereits eine grosse Auswahl an Apps, die Ihnen beim zum Erlernen einer Sprache helfen. Das Angebot ist verlockend – anstatt viel Zeit beim Spielen zu verlieren könnte man diese für eine produktive Tätigkeit einsetzen.

Die beliebtesten Gratis-Apps sind duolingo (mit ungefähr 20’000’000 aktiven Nutzern) und memrise, eine Gedächtnisstütze.

Beide gehen vom Prinzip aus, dass Lernen Spass machen sollte und belohnen Sie, wenn Sie die Vokabeln auswendig wissen.

Gamification

Wenn Sie bei Tetris Blöcke einreihen oder auf Candy Crush Saga digitale Süssigkeiten zertrümmern geht die Zeit schnell vorbei, schneller jedenfalls als beim Umschichten von Zahlen auf einem Excel-Sheet. Auch wenn Excel-Sheets und Spiele eines gemeinsam haben: man muss immer wiederkehrende Ausgaben auf einem Bildschirm erledigen…apps_1

 

Bei Spielen sind sofortige Belohnungen inbegriffen. Das können Blinklichter, Punkte oder andere Arten von Zuerkennungen sein. Spielautomaten arbeiten seit Jahren nach diesem Prinzip.

Ziel der gamification (oder Spielifizierung) ist es, langweilige Arbeitsvorgänge durch das Einbringen von belohnenden Elementen vergnüglicher zu machen.

Die neue Generation der Sprachlern-Apps weckt Ihr Interesse, indem sie Elemente der Videospiele wie Punkte, Leben, Ranglisten, Stufen und lustige Geräusche integriert. Damit werden richtige Antworten oder ein gutes Testergebnis belohnt.

Sie können die Belohnung auch nutzen, um neue Herausforderungen anzunehmen oder ästhetische Änderungen vorzunehmen. Anders als im typischen „Freemium“ – Modell werden allerdings in diesen Apps keine reellen Kaufgeschäfte getätigt.

Duolingo in Aktion

Duolingo ist sehr leicht zu handhaben. Sie wählen die Sprache, die Sie lernen möchten, machen einen Einstufungstest oder beginnen gleich mit den Übungen.

Sie lernen anhand einer Reihe von Aufgaben wie das Übersetzen eines Texts von oder in die Sprache, die Sie lernen möchten, schreiben mündlich gelieferte Texte (unter Mithilfe einer computergenerierten Stimme) ab, identifizieren alle korrekt ausgeführten Übersetzungen eines Satzes und sprechen sogar einen Satz auf Ihr Handy, der anschliessend von der Spracherkennungs-Software (wenn auch nicht optimal) analysiert wird.

apps_2Screenshot der duolingo Webseite

Die Übungen sind aufgeteilt in Wortbereiche (zum Beispiel Tiere, Lebensmittel) oder Verben, Adjektive, usw. Man informiert Sie nicht ausdrücklich über die Logik und das Konzept der Sprache, doch Sie sollten diese beim Beantworten der Fragen aufschnappen können. Sie können zum Beispiel einen Teil der Frage eintippen und dann taucht die Übersetzung auf.

Ein Algorithmus entwickelt Ihre Lektionen gemäss Ihren Leistungen und der Inhalt wird ständig weiterentwickelt. Wenn Sie dann Zugang zu einem Lernbereich haben absolvieren Sie einen Test, dank dem Sie anschliessend neue Herausforderungen annehmen können. Die App kommt immer wieder auf das bereits Gelernte zurück, damit Sie es immer zur Hand haben und den Lernprozess damit verfestigen.

Sie müssen jeden Tag ein Ziel erreichen und werden belohnt für die Fertigstellung der Übungen, die regelmässige Nutzung des Apps und für die Tatsache, beim Lernen Begeisterung zu zeigen.

Duolingo kann man gratis abrufen und benutzen, denn der Input erfahrener Sprachlernender wird verwendet, um Inhalte von Webseiten zu übersetzen. Der Gründer von Duolingo, Luis von Ahn, war ebenfalls verantwortlich für die reCAPTCHA-Tools, die man auf Webseiten häufig antrifft. Sie nutzen den menschlichen Input, um Bücher zu digitalisieren.

Memrise in Aktionapps_3

Viele der von Spielen inspirierten stilistischen Verarbeitungen sind auch auf Memrise vorhanden und viele Übungen sind ähnlich. Allerdings ist die Funktion des App ein bisschen verschieden. Wie der Name verrät hilft Ihnen Memrise, Dinge einzuprägen.

Wenn Sie ein Wort zum ersten Mal sehen erhalten Sie gleichzeitig eine Gebrauchsanweisung zum Einprägen des Begriffs. Sehr oft steht diese in Verbindung mit der Muttersprache der Person, die den Kurs erarbeitet hat. Diese „mnemonics“ sind eine erprobte und getestete Methode zum Erlernen einer Sprache, denn sie verankern ein neues Wort in etwas bereits Eingeprägtes – zum Beispiel in ein mentales Bild oder ein Wort, das Sie bereits kennen.

Der Inhalt ist ganz offensichtlich abhängig von der Person, die ihre persönlichen Kurse weitergibt. Sie können also Ihren eigenen Kurs erstellen, mit dem Sie Ihre spezifischen Bedürfnisse abdecken (zum Beispiel eine Examensvorbereitung). Die App erlaubt Ihnen den Download von Kursen, die von Nutzern generiert wurden. Mit 300’000 aktuell verfügbaren Kursen haben Sie die Qual der Wahl.

Gesamthaft gesehen ist memrise eine weniger ambitionierte App als duolingo. Sie hilft Ihnen, sich Wörter einzuprägen, verspricht jedoch nicht, Ihnen eine Sprache zu vermitteln.

Was cool ist bei den Apps:

  • Sie sind vergnüglich und machen das Sprachenlernen zum Spiel
  • Push –Benachrichtigungen fordern Sie zur Aktivität auf, wenn Sie die App zu lange unbenutzt lassen. Das spornt Sie an, täglich zu üben – was beim Erlernen einer Sprache sehr wichtig ist
  • Ranglisten ermutigen Sie, gegen Ihre Freunde anzutreten
  • Die App bietet eine Einführung in Vokabeln und Grammatik, das vermittelt Vertrauen

Doch …

Ein gut ausgearbeiteter Sprachkurs unterrichtet Vokabeln und Grammatik in einem für Sie relevanten Umfeld. Darum beinhalten zum Beispiel Sprachkurse für Berufstätige ein ganz anderes Programm als Kurse für Jugendliche. Diese Apps bieten Wörter und Grammatik, welche in absolut keinen Kontext eingebunden sind.

Neben dem Umfeld im Klassenzimmer vermissen Sie auch die praktische Anwendung der Sprache, sei es im Land, in dem sie gesprochen wird, sei es als Verkehrssprache mit anderen Nicht-Muttersprachlern.

Das Erlernen einer Sprache im Ausland mit vollständigem Eintauchen in ihre Kultur ergibt einen Unterricht, der auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Weit wichtiger aber ist die Tatsache, dass Sie die Sprache jeden Tag als Mittel zur Verständigung anwenden und damit den Alltag meistern.

Wenn Sie eine Sprache nur mit einer App gelernt haben können Sie schnell in Not kommen, wenn Sie Ihre Kenntnisse im realen Leben einsetzen möchten. Auch mit Medienkonsum in der Sprache, die Sie lernen sind Sie nicht auf Gespräche vorbereitet, bei denen Sie gleichzeitig zuhören, nachdenken und Sätze formulieren müssen.

Auf dem Handy herumtippen ist also kein Ersatz für eine Reise ins Ausland und die Begegnung mit neuen Freunden. Und dabei macht es auch Spass, die Sehenswürdigkeiten, Klänge und Düfte eines anderen Landes zu entdecken.

Luis von Ahn, der Gründer von duolingo sagte anlässlich eines Interviews mit der Zeitung The Guardian in Bezug auf die eher technischen Bereiche seiner Programme, dass die App „auf keinen Fall so anpassungsfähig wie ein Sprachlehrer sein kann, der beim Anblick des Gesichtsausdrucks eines Schülers sofort sehen kann, ob dieser zögert oder verunsichert ist. Dieser menschliche Touch fehlt uns und darum denke ich, dass wir nicht so gut sind wie ich es mir vorgestellt habe. Um ehrlich zu sein: es wird lange gehen, bevor wir so gut wie ein Sprachlehrer sind.“

Wie man die Sprachlern-Apps am besten nutzt

Eine Sprach-App kann in der ersten Phase des Sprachelernens für absolute Anfänger nützlich sein und auf jeder Stufe des Lernprozesses wirklich helfen, Wörter zu lernen.

Aber kann man damit eine Sprache beherrschen? So gut wie sicher nicht.

Apps sind eine nette Ergänzung, aber kein Ersatz für die Erfahrung des Lernens einer Sprache in ihrem kulturellen Umfeld. Ausserdem isolieren sie den Benutzer logischerweise, weil er ganz alleine auf seinem Handy herumklimpert und diese Zeit nicht nutzt, um mit Menschen in Kontakt zu kommen und die Sprache dafür einzusetzen, wofür sie vorgesehen ist: zur Verständigung mit anderen Leuten.

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